Kanzlerin Angela Merkel über den “Einstieg in den Aufstieg” – und: “Wohlstand für alle heißt: Bildung für alle”
Seit jeher macht sich die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) energisch für einen besseren Einstieg in Arbeit statt. Dies sei, so INSM-Botschafter Roland Berger, die Voraussetzung “für beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg”. Dass dieser Zusammenhang auch vielen Verantwortlichen in der Politik bewusst ist, machte die heutige Rede der der Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Festveranstaltung „60 Jahre Soziale Marktwirtschaft“ in Berlin deutlich. An diesem Termin nahm auch INSM-Kuratoriumsvorsitzender Professor Dr. Hans Tietmeyer teil, der seine Karriere als Referent im damals noch von Ludwig Erhard geleiteten Wirtschaftsministerium begann, und ebenfalls eine Rede zum Jubiläum der Sozialen Marktwirtschaft hielt.
Zitate aus der Rede von Bundeskanzlerin Merkel:
“Erhard dachte nicht in den Kategorien des Status quo. Erhard sah die Energie der Eigeninitiative. Erhard spürte die Kraft der Freiheit. Um das zentrale Versprechen seiner sozialen Marktwirtschaft für jeden einzelnen Menschen einzulösen: Einstieg und Aufstieg zu ermöglichen, entsprechend den individuellen Fähigkeiten und Neigungen.
Genau diese Energie der Eigeninitiative, diese Kraft der Freiheit waren es im Übrigen auch, die es möglich machten, 1990 die deutsche Einheit zu gestalten. Trotz allem, was noch zu bewältigen ist, sollten wir nie vergessen: In weniger als 20 Jahren deutscher Einheit ist es gelungen, 40 Jahre Planwirtschaft und die daraus entstandenen Schäden zu überwinden. Das ist alles in allem eine großartige Erfolgsgeschichte.
(…)
Natürlich: Heute sind wir alle schlauer als damals. Heute wissen alle, dass die Erhardschen Reformen ein großer, ein historischer Erfolg waren, der den Deutschen – erst im Westen, später auch im Osten – Wohlstand, Arbeit, Sicherheit und natürlich Freiheit ermöglicht hat. Heute kennen wir alle das Wort vom Wirtschaftswunder, mit dem die Zeit, die im Juni 1948 beginnt, beinahe verklärt wird.
Damals aber stand Erhard zu Beginn fast allein. Das Wunder, von dem wir heute sprechen, wäre beinahe zu Ende gewesen, noch ehe es richtig begonnen hatte. Denn am 12. November 1948 fand der erste und einzige Generalstreik des Nachkriegsdeutschlands statt, der die Erhardschen Reformen beenden sollte. Wie gut, dass Erhard die Nerven behielt; wie gut, dass er ein klares Ziel vermitteln konnte und wie gut, dass er das Steuer gerade hielt, bis sich der Erfolg für alle offenbarte. Wie gut also, dass er beharrlich blieb.
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Aber gerade eine Festveranstaltung wie die heutige zu 60 Jahre Soziale Marktwirtschaft bietet die Chance, über all diese Aufgaben hinaus zu schauen, den Blick auf das Eine zu lenken, was aus meiner Sicht das zentrale Versprechen der sozialen Marktwirtschaft vor 60 Jahren war und was das zentrale Versprechen der sozialen Marktwirtschaft auch in den kommenden 60 Jahren sein sollte.
Es ist – ich sagte es schon kurz zu Beginn – das Thema Einstieg und Aufstieg. Es ermöglicht dem Menschen, die Kraft der Freiheit auch zu leben.
Ich bin zutiefst davon überzeugt: Wettbewerb als zentrales Element der sozialen Marktwirtschaft kann nur überzeugen, wenn unsere Gesellschaft Einstieg und Aufstieg möglich macht, wenn sie also – mit einem Wort – durchlässig ist.
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Dazu müssen wir die Talente von allen Menschen bei uns fördern. Wir müssen allen einen Einstieg ermöglichen und einen Aufstieg erleichtern. Das zu schaffen, das hat unser Land nach 1948 stark gemacht. Das brauchen wir auch für die Zukunft. Das belebt unser Land, und das ist gerecht und das klappt vielleicht schon öfter, als wir denken.
(…)
Aus der Erfahrung der letzten Jahre wissen wir: Das Aufstocken bringt Langzeitarbeitslose wieder in Arbeit. Wenn wir dagegen flächendeckend Mindestlöhne einführten, gefährdeten wir Hunderttausende Arbeitsplätze. Vor allem aber erschwerten wir den Einstieg. Ein flächendeckender einheitlicher Mindestlohn ist wie eine Barrikade rund um den Arbeitsmarkt.
Deshalb müssen wir mit den Löhnen intelligent umgehen, damit möglichst jeder einen Einstieg in Arbeit findet und damit einen Einstieg in den Aufstieg.
Aber das zeigt auch das Wichtigste. Deutschland muss ein Hochlohnland bleiben. Dafür muss es ein Hochleistungsland sein. Und das wiederum heißt: Aus allen Talenten, die wir haben, müssen wir etwas machen.
Und so führen uns diese Überlegungen zu dem für Einstieg und Aufstieg entscheidenden, dem zentralen Stichwort unserer Zeit: Bildung!
Ich sage es in einem Satz: Wir müssen die Bildungsrepublik Deutschland werden.
Das ist es, was unsere Zukunft für die nächsten Jahrzehnte sichert.
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Ludwig Erhards große Verheißung in schwierigsten Zeiten hieß: Wohlstand für alle. (…)
Unseren so umfassend verstandenen Wohlstand weiter sichern zu wollen, den materiellen wie den immateriellen – das heißt dann heute: Bildung für alle.
Oder noch klarer: Wohlstand für alle heißt heute: Bildung für alle.
Bildung für alle – das schafft die Voraussetzungen dafür,
- dass jeder seine Chancen nutzen kann, unabhängig von der sozialen Lebenssituation seiner Eltern … .
(…)
Wohlstand für alle heißt heute und morgen: Bildung für alle.
Unser Land muss sich darauf in allen Bereichen vorbereiten. Ich selbst werde mich auch ganz persönlich dieser Sache annehmen, unter anderem mit einer Bildungsreise durch die Bildungsrepublik Deutschland, vom Kindergarten bis zur Seniorenfakultät, von der Berufsschule bis zu privaten Elterninitiativen, in Gesprächen mit Experten und Bürgern. Dies wird münden in einen nationalen Bildungsgipfel, den ich zusammen mit den Bundesländern im Oktober dieses Jahres durchführen werde.
(…)
Bildung für alle – wenn wir dies als zentrale Aufgabe des nächsten Jahrzehnts angehen, dann kann unser Land zum 100. Geburtstag der sozialen Marktwirtschaft feststellen: Die soziale Marktwirtschaft hat sich auch in einer zusammengewachsenen Welt als das wirtschaftliche und soziale Erfolgsmodell unseres Landes bewährt. Sie löst auch heute ihr zentrales Versprechen ein, jedem Einzelnen entsprechend seinen Fähigkeiten und Neigungen Einstieg und Aufstieg zu ermöglichen.
Das zu schaffen ist jede Mühe wert. Dann wird es – um noch einmal Ludwig Erhards Worte aufzugreifen – noch besser. Von Tag zu Tag immer besser. Dafür lohnt sich große Verantwortungsfreude. …”
- Die Rede von Professor Tietmeyer finden Sie hier.
- Mehr zur INSM-Kampagne Einstieg in Arbeit finden Sie auf dieser Webseite.
- Videomitschnitt der Rede von Angela Merkel.
Am 26. August 2008 um 09:04 Uhr
[...] “Wohlstand für alle heißt Bildung für alle.” Bereits Juli hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bildung als Voraussetzung für den beruflichen Einstieg und die Chance zum sozialen Aufstieg in den Mittelpunkt einer Rede gestellt. INSM-Tagebuch hat wichtige Passagen dieser Rede dokumentiert. [...]